SchnittTagebuch

Reiseclips in Final Cut Pro mit Schlagwörtern sortieren für mehr Ordnung

Sonntagabend in Berlin-Neukölln. Draußen peitscht der Regen gegen die Scheibe, drinnen summt mein Mac mini leise vor sich hin. Ich starre auf den Monitor. Vor mir liegen über 400 Clips von meinem Trip an die Ostsee. Alle heißen sie 'C0001.mp4' oder 'C0002.mp4'.

Ich suche die Szene, in der die Möwe mir fast das Fischbrötchen aus der Hand geklaut hat. Ich scrolle. Ich klicke. Ich finde: Sanddorn, Wellen, noch mehr Wellen, aber keine Möwe. Es ist wie bei einem Manuskript ohne Seitenzahlen. Pures Chaos.

Als Lektorin macht mich das wahnsinnig. In meinem Kopf habe ich den roten Stift schon gezückt, aber in Final Cut Pro wusste ich lange nicht, wo ich ansetzen soll. Die schiere Masse an 4K UHD Material in 3840 x 2160 Pixeln erschlägt mich manchmal.

Der Moment, in dem ich fast aufgegeben hätte

Ehrlich gesagt saß ich letzte Woche kurz davor, alles hinzuschmeißen. Ich hatte angefangen, die Dateien im Finder manuell umzubenennen. 'Moewe_1', 'Moewe_2'. Nach etwa 50 Clips tat mir das Handgelenk weh und ich merkte: Das ist völlig am Ziel vorbei. In meinem Final-Cut-Anfängerkurs kam nämlich gerade das Kapitel über Schlagwörter dran.

Das frustrierende Gefühl, als ich begriff, dass ich eine Stunde Lebenszeit mit manuellem Umbenennen verschwendet habe, war schrecklich. Final Cut arbeitet nämlich gar nicht wie ein klassisches Dateisystem. Es ist eher eine Datenbank.

Nahaufnahme einer Hand am Mac mini während der Videobearbeitung.

Mein gebrauchter Mac mini mit seinem 8-Core CPU rattert zwar brav alles ab, aber die Denkarbeit muss ich leisten. Ich fühlte mich wie eine Anfängerin, die versucht, ein Buch ohne Inhaltsverzeichnis zu korrigieren. Aber dann kam CMD+K.

Das Zauberwerkzeug: Schlagwort-Sammlungen

In dem Moment, als ich CMD+K drückte, öffnete sich ein kleines Fenster. Der Schlagwort-Editor. Hier kann man Begriffe festlegen. Ich markiere also alle Clips mit Wasser und tippe 'Ostsee'. Zack. Blaues Symbol am Clip. Wie ein Korrekturzeichen am Rand eines Textes.

Was ich anfangs nicht kapiert habe: Man kann Schlagwörter stapeln. Ein Clip kann 'Ostsee', 'Strand' und 'Möwe' gleichzeitig sein. Das ist genial! Es verdoppelt nicht den Speicherplatz, es sind nur virtuelle Etiketten. Wie Post-its in einem dicken Wälzer.

Besonders hilfreich sind die Metadaten-Shortcuts. In Final Cut Pro gibt es 10 Tastatur-Shortcuts (Control-1 bis 0), die man selbst belegen kann. Ich habe mir 'Landschaft' auf die 1 und 'Ich' auf die 2 gelegt. Das spart so viel Zeit.

Visualisierung des Schlagwort-Editors in Final Cut Pro für Reisevideos.

Trotzdem gab es wieder diesen Moment: Ich habe 'Strand' und 'Küste' als getrennte Tags angelegt und mich nach einer Stunde gefragt, warum ich die Hälfte der Clips nicht finde. Ein klassischer Lektorenfehler – zu viele Synonyme verwirren nur. Man muss sich auf Begriffe festlegen.

Die Sache mit der Chronologie

Nach etwa drei Monaten mit dem Programm habe ich aber etwas Wichtiges gelernt. Schlagwörter sind toll, aber manchmal sind sie bei Reiseclips auch kontraproduktiv. Wenn ich alles nach 'Strand' sortiere, verliere ich das Gefühl für den Ablauf der Reise.

Ich habe gemerkt, dass eine zeitbasierte Ordnerstruktur in den 'Ereignissen' oft intuitiver ist. Ich erstelle jetzt für jeden Reisetag ein eigenes Ereignis. So bleibt der chronologische Erzählfluss erhalten. Die Schlagwörter nutze ich nur noch für spezielle Dinge wie 'Drohne' oder 'B-Roll'.

Es ist wie beim Lektorat: Erst sortiere ich die Kapitel chronologisch, und dann schaue ich mit Schlagwörtern nach wiederkehrenden Motiven. Wenn die Struktur steht, fällt es mir viel leichter, später Fotos zu animieren mit dem Ken Burns Effekt, weil ich nicht erst stundenlang suchen muss.

Reisetagebücher und ein roter Stift neben einer Tastatur als Metapher für Ordnung.

An einem verregneten Sonntagabend im März saß ich wieder da und habe alles umstrukturiert. Es war mühsam, aber am Ende war mein Mediathek-Browser so sauber wie ein frisch gesetzter Textsatz. Das kühle Aluminiumgehäuse des Mac mini unter meinen Fingern fühlte sich plötzlich nicht mehr nach Arbeit, sondern nach Kreativität an.

Ordnung gibt Freiheit (auch ohne Filmausbildung)

Ich habe keine Filmausbildung. Ich bin Lektorin. Ich denke in Sätzen und Absätzen. Aber Video-Schnitt ist gar nicht so anders. Ein Clip ist ein Wort, eine Szene ein Satz. Und ohne Ordnung in den Vokabeln (den Clips) bekommt man keine gute Geschichte hin.

Wenn ich heute meine Mediathek öffne, weiß ich genau, wo was liegt. Das gibt mir die Freiheit, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Die Geschichte meiner Reise zu erzählen. Und wenn mal ein Clip wackelt, weiß ich dank meiner neuen Ordnung sofort, wo ich ansetzen muss, um verwackelte Reisevideos zu stabilisieren, ohne den ganzen Abend mit Suchen zu verschwenden.

Ruhige Abendstimmung am Schnittplatz in Berlin-Neukölln.

Okay, das war heute echt frustrierend zu schreiben, weil ich mich wieder an diese erste Chaos-Woche erinnert habe. Aber der Lerneffekt war es wert. Wenn du auch gerade vor einem Berg von Clips sitzt: Atme durch. Fang klein an. Ein Schlagwort nach dem anderen. Es lohnt sich.

Mein Stand nach etwa acht Monaten? Ich brauche immer noch doppelt so lange wie ein Profi, aber ich suche nicht mehr. Ich schneide jetzt. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl.

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